Geschichten aus 1001 Nacht
von Tanja Breitenbücher, 02.05.2016 – www.fluechtlingshilfe-bw.de
In der Stuttgarter Stiftung Geißstraße fand in Kooperation mit dem Kinder- und Jugendtheater JES und syrischen Flüchtlingen eine zweisprachige Lesung der Geschichten aus 1001 Nacht statt. Das Publikum: Geflüchteten und Einheimische. Es berichtet Tanja Breitenbücher.
„Wir würden gerne einen Abend gemeinsam mit dir machen, Jameel… über 1001 Nacht“, sagte ich. Jameel sah mich verwundert an: „Was? 1001 Nascht?“, fragte er in seinem liebenswürdigen syrischen Akzent. „Ja, du weißt schon… der Kalif und die Prinzessin Sche-He-Ra-Sssssaat! Die ihm jede Nacht eine Geschichte erzählt, um nicht zu sterben!“ Jameel sah mich immer noch verwundert an. Nujud, ebenfalls eine Syrerin, die ihn mit zu mir begleitete, schüttelte auch den Kopf. Beide verstanden mich nicht. „Sindbad? Ali Baba? Aladin?“, fragte ich etwas irritiert. „Aaaaaah, Aladin! Did you see the cartoon?“ … Offenbar waren den beiden die Einzelgeschichten der Märchensammlung bekannter, als das Gesamtwerk. Und/oder es lag an meiner offenbar seltsamen Aussprache der Figurennamen die nachhaltig für Gelächter sorgte. Während der Veranstaltung grinste mancher arabisch sprechende Zuhörer, als die Namen erklangen.Schnell war eine Eben der Verständigung gefunden: Ja, wir wollen alf laila wa-laila – so der Titel auf Arabisch – zweisprachig lesen. In einer schönen Abendveranstaltung. Die deutschsprachigen JES-Schauspieler Prisca Maier und Gerd Ritter lasen auf Deutsch, Jameel und Rahhaf lasen den arabischen Text. Begleitet wurden die Leser von Mohammad auf dem Oud, einem traditionellen Instrument in Syren und im Prinzip eine Mandoline, bzw. eine Laute.
Schon an unseren ersten Treffen mit der Dramaturgin Lucia Kramer wurde klar: Hier haben wir uns etwas Gewaltiges vorgenommen. Die nächtlichen Geschichten der Prinzessin waren außerordentlich lang und so voller Details und Verknüpfungen, dass Lucia gar nicht so recht wusste, wie wir es einkürzen sollten. „Wir haben ja auch nur eine Nacht – wie die Prinzessin!“, sagte sie daraufhin und entschloss sich, Ali Baba als gekürzte Geschichte auszuwählen und die Rahmenhandlung, die Geschichte um Scheherazade, ihr Schicksal und wie es überhaupt dazu kam, dass sie den Kalifen heiratete, um diese Geschichte zu knüpfen. Deutsche wie Syrer kannten seine Geschichte. Begeistert rief Jameel: “ افتح يا سمسم„ – aftah ya simsim – und wir stimmten alle lachend mit ein: „Sesam, öffne dich!“ Die Basis für den Abend war gefunden, Lucia arbeitete hart um möglichst schnell den deutschen Text zu finden.
„Isch habe heute nischt geschlafen!“, sagte Jameel und grinste mich an. „Du bist so fleißig!“, sagte ich und sah Lucia an. Wir beide hatten ein schlechtes Gewissen, da Jameel vor der Aufgabe stand, den arabischen Text in einer Druckfassung zu finden, mit der man schnell und unkompliziert arbeiten kann. Eine zweisprachige Ausgabe in deutsch und arabisch konnten wir leider (noch) nicht finden. Vielleicht in ein paar Jahren. Es bleibt zu hoffen. Es gab zwar PDFs der Bayrischen Staatsbibliothek des gesamten Märchenepos. Beim Öffnen derselben stürzte aber mein PC ab und als wir es endlich öffnen konnte, schluckte Jameel. Wir sahen uns 4000 Seiten gegenüber. „Wo ist Ali Baba?“, wollte Jameel eingeschüchtert wissen. „Ich kann nichts lesen!“, rief ich und fühlte mich wie ein Vorschüler angesichts der wundersamen Zeichen, die Seite für Seite auftauchten. Jameel beschloss den deutschen Text Wort für Wort ins Arabische zu übertragen. Ich übersetzte ihn zuvor ins Englische. So entstand Stück für Stück die fertige Lesung.
Rahhaf, unsere weibliche arabische Stimme stammt aus dem Norden Syriens. Mohammad, der Musiker, und Jameel dagegen aus Damaskus. Deshalb wurden wir Zeugen lauter Diskussionen der beiden Sprecher in ihrer Muttersprache, wie man welches Wort ausspricht. Bei den Proben entwickelte Jameel detektivisches Gespür dafür jeden noch so kleinen nordarabischen Akzentaufzuspüren. Sumsum, simsim, Sesam – es war herrlich wie viele Laute, Töne und Melodien im Raum herumschwirrten. „Ich kann alles spielen, was ihr wollt!“, rief dazu Mohammad, der seine Laute als seine Frau vorstellte und der eigentlich Medizin studieren möchte. Er spielte immer. Wenn wir uns noch begrüßten oder Smalltalk hielten, packte er sein Instrument aus und begann zu spielen. Wenn er mit jemandem sprach – spielte er. Jameel und Rahhaf wippten mit den Füßen zur Melodie. „Ich glaube, wenn er das Lied spielt, werden alle Syrer aufspringen und singen!“, rief Jameel.
Der Abend zeigt, wie schön zwei Kulturen zusammenkommen können. Die beiden Sprachen ergänzten sich in ihrem wunderbaren Klang auf eine schöne Weise. Das Deutsche transportierte Tragik, das Arabische glänzte in seiner Melodie. Ich als deutsche Zuhörerin lauschte gespannt dem arabischen Teil, besonders dann, wenn die Königin in der Rahmenhandlung nach ihrem Sklaven rief: „Masud!“ rief. Dieser Teil sorge besonders bei den Arabischen Muttersprachlern für Belustigung. Denn eigentlich spricht man مسعووود „Maseud“, das E wird hierbei kehlig, aber doch irgendwie weich geschleppt, die Stimme dunkelt sich bei der Aussprache des U ab um dann abrupt durch das D gestoppt zu werden. Alle spitzten die Ohren, wenn das berühmte „افتح يا سمسم“ – aftah ya simsim – fiel. Sesam öffne dich! Ich weiß nicht, was schöner war: Die Lesung, oder ihre Vorbereitung. Ich habe selten so gelacht, wie an diesen Tagen.
Geschichten wie die aus 1001 Nacht können Mordtaten verhindern. Geschichten und Musik können Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen spielend zusammenbringen.
Interkultur heißt: Expeditionen in noch ganz unbekannte Weltkulturen zu unternehmen. Solche Expeditionen gelingen nur mit gegenseitiger Hilfe. Das schöne Resultat: Integration im doppelten Sinne.
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